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Wilka beim
"Ötztaler"
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ötztal Radmarathon 2008

story n´pics by Anita"Wilka"Waiss
   
 

 

                          Der lange Weg der Anita W. von Sölden nach Sölden         
 

 

Das wird jetzt eine ganz lange Geschichte. War aber auch eine ganz lange Sache!

Die Vorgeschichte

Als mir plötzlich der Gedanke kam, dass ich unbedingt den Ötztaler fahren muss, gings noch von Innsbruck nach Innsbruck. Ich hab einen Bericht im Fernsehen gesehen vor 15 Jahren – in dem herrlichen Jahr, wo mir klar wurde, dass ich fortan nur noch bergauf fahren will. Ganz beeindruckt von dem vielen Berge die beim Ötztaler zu fahren sind, beschloss ich das Projekt  in angriff zu nehmen. Und 15 Jahre später wars dann auch schon beendet (ich bin bei allem langsam, nicht nur beim Radfahren).

Die bösen Menschen um mich

Wie ich angefangen habe darüber zu reden, haben die Leute, die mich nicht so gut kennen, dass ganze als völlig daneben empfunden und mir Unmengen von Dingen empfohlen, die ich statt dessen machen sollte. Für mich war unklar, warum meine herrliche Idee solches Unverständnis auslöste, weil ich mir gedacht hab, wenn ich glaub, dass ich das kann, dann werde ich’s wohl können (Ich mach nur Sachen, die ich kann.  Ich bin ein bequemer Mensch und riskier nix. Und das, worauf ich am meisten Stolz bin in meinem Leben ist, dass ich es immer aus eigener Kraft nach Hause geschafft hab und mich niemals die Bergrettung holen musste und ich nie verunglückt bin und dass ich mich trotz Todesangst immer selbst aus den blöden Situationen, in die ich mich gebracht habe, retten konnte). Außerdem wusste ich ja, dass der Ötztaler sicher nicht das Schlimmste in meinem Leben sein würde.

Die Menschen um einen können einen schon ordentlich zermürben, vor allem wenn man ohnedies in einer Fahrkrise ist. Aber glücklicherweise habe ich mit den Skeptikern und Zweiflern schon genug Erfahrung. Wenn ich immer auf das gehört hätte, was die anderen für möglich und schaffbar gehalten haben, wären mir einige wunderbare Erlebnisse und Katastrofen entgangen.

Die Vorbereitung

Wie schon in der Vorbereitung zum ersten Versuch (vor zwei Jahren hatte ich schon mal einen Startplatz, aber in der Vorbereitung im Juli dann aufgegeben. Gestartet bin ich dann trotzdem um zu wissen, wie mein Trainingszustand ist und um mich der Angst vor dem Start zu stellen; am Brenner hab ich dann aber aufgehört, weil’s ansonsten eine Plagerei geworden wär.) traten mit der Intensivierung des Trainings Versorgungsprobleme auf. Ich esse tendenziell wenig und mit überschaubarer Begeisterung, wenn ich müde werde – und das passiert bei intensivem Training häufig – reduziere ich das Essen noch mehr.

Daher hab ich mich den ganzen August nur mit Essen beschäftigt. Nach einem sehr anstrengenden Urlaub Anfang August war ich essensmäßig schon sehr weit hinten, daher hab ich Kampfessen trainiert. Jeden Tag mindestens drei Mahlzeiten und essen, was Platz hat. Zwei Wochen vor dem Marathon hab ich mit dem Projekt „Ganserl stopfen“ begonnen, was sich sehr bewährt hat. Weil dadurch konnte ich dann auch bei Ötztaler Unmengen von Zeugs in mich hineinstopfen und bei mir behalten. Trotz „Ganserl stopfen“ hatte mein Körper noch immer einen Energiemangel und am Freitag vor dem Ötztaler war es unsicher, ob ich nicht unterwegs am Essen scheitern würde. Andererseits hat mir die Fessvorbereitung gezeigt, wie unbedingt ich ihn fahren wollte.

Prolog

An einem Sonntag Morgen rechtzeitig in der Früh: Ich muss um 4 Uhr aufstehen und schon vor dem Frühstück zum Essen anfangen, weil ich auch dabei langsam bin. Die Burschen (Ewald, Gabriel und Freunde) haben das offizielle Frühstück auf  5 Uhr festgelegt, da würd ich nie und nimmer fertig werden bis zum Start. Zum offiziellen Frühstück erscheinen dann auch alle recht pünktlich. Einzig der Quartiergeber bevorzugt es weiterzuschlafen. Die Burschen haben das erstaunlich gelassen hingenommen. Schließlich gibt’s dann aber doch irgendwann Frühstück. Ohne Tee wär das fahren gar nicht fesch geworden.

Durch die Frühstücksverzögerung hole ich Helene zu spät ab, daher können wir nicht so weit vorne starten, wie gewünscht obwohl uns Josef ein fesches Platzerl reserviert hätte, Weit vorne starten ist wichtig! Weil da fahren die Leute besser und außerdem sind noch viele Leute hinter mir und die paar Minuten, die ich beim Start gewinne, sind ein beruhigender Vorsprung, der zumindest reichen sollte, um übers Kühtai nicht ganz alleine fahren zu müssen.

Leider finden wir Josef nicht, weil wir die Sache von der falschen Seite her angehen. Aber glücklicherweise unterstützen uns ein paar liebe Menschen beim Vordrängen – eigentlich lassen sie uns uns einfach von der Seite reinschummeln, wo eigentlich abgesperrt wäre. Böse Mädchen kommen überall hin! Die netten Männer haben wir dann allerdings ein wenig irritiert, ob der Gespräche die Helene und ich vor dem Start führen, vor allem darüber wie wir uns das alles so vorstellen.

Start – 6:45 Uhr

Bist du deppert, ist der Start schön! Alles ist ganz rötlich, man könnte meinen es sei die Morgendämmerung, die alles in ein rötliches Licht taucht – sind aber Unmengen an bengalischer Feuern. Und dann gibt’s noch ein Meer aus Seifenblasen und man fährt unter dem Transparent „Hier beginnt Dein Traum“ durch und dazu tönt ABBA „I have dream“ und am Streckenrand stehen schon Unmengen von Zuschauern und sind beeindruckend von der Masse von 4000 Radfahrern, die sich langsam in Bewegung setzt. Für die Zuschauer beginnt damit ein langer Tag des Wartens bis ihrer Liebe zurückkehren. Und für uns beginnt unser Traum, der für einige zum Alptraum wird und von dem manche viel zu früh erwachen müssen.

Allein des Startes wegen lohnt sich der Ötztaler. Ich bin so gerührt, dass ich fast weinen muss. Das klingt lieb, ist aber gar nicht gut. Das heurige Frühjahr hat mich gelehrt, dass ich immer weinerlich werde, wenn ich Zuckermangel hab. Ein völlig unnötiges Feature. Viel lieber hätte ich eine Tankeinuhr eingebaut, die rot blinkt, wenn’s Reserve ist. Ich habs ja gleich gewusst, dass ich mit dem Frühstückszeugs nicht weit komm. Aber nach dem es zunächst ein Weilchen bergab geht, ist die Lage zwar ernst, aber überschaubar.

Ein Weilchen bergab – von Sölden nach Ötz

Vor diesem Abschnitt hatte ich vor zwei Jahren am meisten Angst, um nicht zusagen, ich war etwas panisch! 4000 Radfahrer, die bergab starten, das kann nicht gut gehen. Zusätzlich zum Bergab gibt’s Kurven und Tunnels und Fahrbahnteiler – und Radfahrer. Erstaunlicherweise bin ich damals fröhlich trällernd in Ötz angekommen.

Dieses Mal starte ich mit Helene relativ weit vorne, 3-4 Minuten nach dem Startschuss waren wir bereits unterwegs (die letzten starten nach 17-18 Minuten!). Mindesten 45 Sekunden sind wir auch gemeinsam gefahren, was eigentlich eh viel länger war als geplant. Ich bin recht flott beim Starten und bei so einer Bergab-Partie sowieso (was unglaublich zum Lachen ist, wenn man mich kennt – ich hasse bergab und fahr meistens auch dementsprechend! Aber unter günstigen Bedingungen – wenn mir danach ist – kann ich dabei wirklich ordentlich Gas geben.).

Ich will schnell nach Ötz, damit es länger dauert, bis mich am ersten Berg alle überholt haben. Aber zu schnell will ich auch nicht, weil anstrengen will ich mich auf keinen Fall so bald in der Früh, und schon gar nicht so weit weg vom Ziel.

Am Anfang rollts ganz gut, auch durchs erste unbeleuchtete Tunnel. Aber es will sich partout niemand finden, der so ordentlich fährt, dass ich hinter ihm nach fahren möchte. Betonung liegt auf ihm – weil die Sache mit dem Vordermann ist so eine Sache. Das schreit eigentlich gerade zu nach einem Exkurs.

Exkurs: Wer soll mein Vorfahrer sein

Wenn schon so viele Leute gemeinsam radfahrern gehen, sollte man doch ordentlich Windschatten nutzen können. Doch nicht jeder der vor einem fährt, ist auch ein Vorfahrer. Schon gar nicht ein guter. Die Wahl des richtigen Windschattenspenders beeinflusst ganz entscheidend das Lebensglück, weil beispielsweise ein Vorfahrer der bremst – ganz üble Sache. Ein Vorfahrer mit Blähungen ist auch nicht günstig.

  1. Haben Helene und ich auch am Start darüber gesprochen – auf keinen Fall hinter einer Frau nachfahren, weil Frauen fahren immer hinter herfahren und sich auch dementsprechend verhalten. Weiters scheiden als Vorfahrer aus:
  2. Leute mit Rucksack – die fahren zu wenig in Gruppen, weil ansonsten hätte sie die Gruppe schon zurecht gebogen im Sinne von Rennradfahrereitelkeit. Außerdem müssen das ganz eigenartige Mensch sein, wer braucht schon viel Zeugs,  dass er einen Rucksack mitschleppen muss.
  3. Leute mit ohne Rennrad. Hätten Sie eins, würdens sie auch jetzt benutzen. Nach dem sie keines haben, fahren sie auch kaum in Rennradgruppen.
  4. Leute mit irgendeinem Finisher-Trikot. Die sind sowieso immer und jederzeit zu vermeiden, weil die sind unglaublich schnell dabei einem ihre Heldengeschichten aufs Aug zu drücken und leiden leider bisweilen an maßloser Selbstüberschätzung.
  5. Leute, die schlecht gekleidet sind – weil ist die selbe Sache wie mit Punkt 2 und 3, die können nicht Packlfahren. Unmöglich, weil selbst ich als absolut uneitler Bekleidungsmuffel mit großer Begeisterung zum schlampigen Auftritt, konnten mich der Eitelkeit der Rennradfahrer nicht ganz entziehen und bin nun bisweilen ordentlich gekleidet.
  6. Jetzt wird’s schon schwieriger (Punkt 6-8 sind ganz schwierig!), weil nicht mehr so eindeutig: Leute, die zu dick sind – die fahren zu wenig (sagt die, mit dem fetten Hintern!). Gibt zwar Ausnahmen, aber dieses Happening ist nicht der richtige Anlass, die Ausnahmen zu finden.
  7. Alte Männer: Die fahren entweder schon ihr ganzes Leben lang und sind sowieso viel zu schnell. Oder sie sind absolute Individualisten. Und die wirklich älteren, die schon wieder so langsam wären, dass ich ihnen nach komm, sind schwer zu finden – vom Brenner bergab hab ich einen gefunden, der hatte noch dazu irgend ein Finisher-Trikot an und die Figur war auch nicht perfekt, aber gefahren ist er wie ein junger Gott. Selektionskriterien muss man sofort über den Haufen werfen, wenn einem ein statistischer Ausreißer unterkommt.
  8. Leute, die zwar den richtigen Körperbau haben, aber nicht gut ausschauen von hinten beim Radfahren. Die fahren entweder zu wenig oder haben zu wenig Körpergefühl. Beides ist nicht vertrauenserweckend.
  9. Leute, die dauernd äußerst rechts fahren. Die sind zu ängstlich und sind zu wenig vorausschauend – nach äußerst rechts kommt nur noch der Fahrbahnrad oder die Wiese oder die Leitplanke. Und dahin kann man gar nicht gut ausweichen.
  10. Leute, die dauernd die Spur wechseln. Die sind meistens gemeingefährlich.
  11. Leute, die dauernd äußerst links fahren. Die sind übermotiviert.
  12. Italiener – die sind so wahnsinnig gesellig, dass sie dauernd ausschwenken um zu schauen, wo den der langsamere Kollege bleibt.
  13. Leute, die so fahren wie ich – die würden zwar gut genug fahren, sind aber sehr unruhig, weil sie dauernd auf der Suche nach einem Vorfahrer sind. Und daher praktisch völlig rücksichtslos gegenüber ihre Hintermänner sind. Und sowieso permanent nur an sich denken und falls sie an andere denken nur um sie einer der 13 Klassen zuzuordnen.

Irgendwann nach 10 km oder so, ist mir die Liste zu lang geworden und ich hab beschlossen, dass es genau zwei Arten von Leuten gibt, hinter denen ich nachfahren möchte:

  1. Leute in irgendeinem Vereinsdress – die Hoffung scheint berechtigt, dass die Packl fahren können
  2. Leute mit Assos-Hosen – die sind am richtigen Weg. Die haben sicher schon lange Erfahrung mit dem Radfahren, weil wer würde sich sonst so sündteures Zeugs kaufen.

Mit der zweiten Liste war das ganze lustiger. Ist viel unterhaltsamer, jemanden zu suchen, als dauernd nach zu denken, zu welcher Klasse jemand gehört.

Das Ende vom Exkurs – weiter im Verlauf

Es rollt zwar Richtung Ötz, ist aber alles ein wenig unruhig. Und dann vor dem zweiten Tunnel wird’s auf einmal ganz unruhig – man sieht die Leute im Tunnel stehen. Ganz schlecht, weil da hilft lenken auch nix mehr, sondern nur bremsen und schreien und hoffen, dass die Nachfolgenden das auch machen. Der Stau lässt Böses ahnen, vor allem es dauert ein Weilchen bis ich durch den Tunnel bin – und  da ist eigentlich permanentes stop and go und schreien. Nach dem Unfall sitzt eine blutende Frau in der Mitte der Straße und am Straßenrand sitzen auch welche oder tragen ihre kaputten Räder.

Nach der Unfallstelle fahren dann alle vorübergehend etwas gedämpft. Ich bin ziemlich schockiert, vor allem weil es eine Frau war – ich bin der fixen Überzeugung, dass Frauen vorsichtiger und rücksichtsvoller fahren. Und weil es halt so wenige von uns gibt beim Ötztaler. Da kann ich dann gar nicht mehr ordentlich bergab fahren und muss dauernd mit den Tränen kämpfen – war zwar eine schlimme Sache, aber eigentlich – Zuckermangel! Akut!

Bei einer kurzen Steigung fang ich dann auch gleich an zu essen. Wie soll sich das bloß entwickeln, wenn ich bergab schon zum Essen anfangen muss.

Schließlich ist Schluss mit lustig – Ötz Kreisverkehr. Es geht bergauf – „Aufgewacht?“ trifft das Transparenz am Streckenrand genau den Punkt.

Der erste Berg – Kühtai

Der Auffahrt zum Kühtai fehlt alles was einen Berg zu einem richtigen Berg macht. Es beginnt zu steil, es sind mindestens 20 Kehren zu wenig, 127 gerade Abschnitte zu viel, zu wenig Aussicht, das Steilstück ist viel zu lang. Kurz gesagt, das Kühtai ist ekelig, um 8 in der Früh sowieso. Und als erster Berg erst recht.. Nie wieder fahr ich einen ersten Berg! Am Ortsende vom ersten Ort bin ich mir ganz sicher, dass ich mir nie wieder die Qualen des Ötztalers antun werd. Allerdings negative Gedanken habe ich für diesen Tag als nicht zweckdienlich verboten. Ich neige dazu, mich selbst zu zermürben – diesem unnötigen Feature sollte ich nach Möglichkeit erst etwas später hingeben. So in 10 Stunden oder so, wenn überhaupt.

Ich hab mich ja auf das schlimmste eingestellt – ich kenn ja das Kühtai und das Problem mit dem ersten Berg kenn ich auch. Und die Qualen, die mir durch den Körper und die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen,  kenne ich auch. Und dieses depperte Gefühl, dass der Tagesplan – was auch immer der ist – völlig unschaffbar ist, kenn ich auch zur genüge. Und obwohl ich weiß, wie es am zweiten Berg sein wird und wie ich über den Tagesplan am Ende des Tages denken und fühlen werde, bringt das meinen Körper nicht dazu, seinen Widerstand gegen etwas sportliche Betätigung aufzugeben.

Ab der Einfahrt zum Kühtai geht’s los mit den Qualen, die mein Körper simuliert in der Hoffnung, dass ich gleich aufhöre und statt der unendlichen Radlerei ins warme Bettchen zurückkehre und danach die Alpentherme aufsuche.

Abgesehen davon, dass mich so viele Leute um mich stressen, zumal sie unberechenbar sind,  mag ich es gar nicht, wenn mich alle überholen. Irgendwie möchte ich gerne sehr rechts fahren, weil ich meine Ruh haben will, andererseits sind die anderen Leute, die unbedingt rechts fahren wollen noch stressiger als die Leute, die unbedingt jedes Loch zum überholen ausnutzen wollen. Es ist ganz furchtbar, wenn 4000 Leute gleichzeitig einen Berg rauf fahren wollen. Abgesehen davon, dass  dafür viel zu wenig Platz da ist, entsteht dabei ein ganz enormer Energiesog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ich bin ja in der glücklichen Lage, dass ich am ersten Berg tatsächlich nicht schneller kann. Daher ist die Gefahr, dass ich mich mitreißen lasse nicht sehr groß, aber es ist auch anstrengend dagegen anzukämpfen und mein eigenes Tempo zu finden. Kleiner Gang und niedrige Trittfrequenz! Das führt zwar zu nichts, aber wirkliche Alternativen dazu sehe ich grad nicht.

 

Mein Körper fühlt sich an, als ob ich einen 100 m-Sprint und noch ein paar andere unangenehme Sachen machen würde, über 10 km halt. Mir ist es zu heiß und zu kalt, mir ist übel – nebenbei bin ich natürlich hungrig, ich krieg keine Luft, die Oberschenkel brennen, die Unterschenkel wollen sich an dem Debakel sowieso nicht beteiligen. Aufs Klo muss ich auch. Ich will die Jacke ausziehen. Stehenbleiben ist sowieso das einzige was mir als verlockend erscheint. Ganz lange Stehenbleiben. Oder eventuell auch Sitzenbleiben. Aber grundlos Stehenbleiben will ich auch wieder nicht. Schwitzen will ich sowieso nicht und die üble 16% Steigung vor mir will ich auch nicht haben. Und wenn ich aufs Klo muss, kann ich so was sowieso nicht fahren. Aber gar nicht fahren ist auch irgendwie blöd – bei einem Happening wo alle rundherum fahren. Und dass mich immer noch dauernd Leute überholen, vor allem auch solche, wo ich mir denke, dass sie gut daran täten bei mir zu bleiben, beunruhigt mich allmählich auch. Weil wenn mich dann alle überholt haben, dann kommen bald die Besenwägen und dann der letzte Besenwagen und der keppelt dann wieder herum, dass ich nicht so herumtrödeln soll und aufs Klo kann ich dann erst recht nimmer gehen. Zumindest nicht mehr unbeobachtet.

Ich kämpfe gegen das dringende Bedürfnis aufzugeben an. Weil dass das ein fescher Tag wird, ist mehr als zweifelhaft. Das einzige was mich dazu motiviert weiterzufahren, ist der Gedanke, dass ich es dann am Ende nächstes Jahr wieder probiere und dann wieder um 4 Uhr in der Früh aufstehen muss und die Tage davor wieder äußerst unausgeglichen sein würde und ich wieder den ganzen August durchfressen müsste. Und die Monate dafür wieder, wie blöd trainieren würde müssen. Aber andererseits mitten im ersten Berg aufgeben würde mir sehr viele Leiden ersparen. Und bis es richtig lustig werden würde, ists halt gar so weit. Und wer weiß, ob ich dann das Timmelsjoch wirklich lustig finden würde. Obwohl es natürlich am Jaufen auch schon nett sein könnte. Und ich hätte wahrscheinlich aufgegeben, wenn ich mitten beim Bergauffahren aufgeben könnte. Leider kann ich das nur oben. Daher muss ich wohl oder übel bis ganz nach oben fahren. Außerdem stehts am Trainingsplan und zwar in voller Länge.

Irgendwann während mich die blödsinnigen Gedanken quälen, kommen dann endlich die ersten Kurven. Die Hoffnung, dass dann alles besser wird, stirbt allerdings ziemlich schnell. Irgendwann kurz nach den Kurven und kurz vor Ochsengarten-City geht’s dann leicht bergab und ich bin mir sicher, dass mit einem Gel weniger im Trikot gleich  alles viel besser gehen wird.

Tuts aber nicht. Die steile Steigung steht bevor. Zeit für eine ausgiebige Einheit motivierender Gedanken. Es ist ja nicht mehr weit (bis zum steilen Stück). Das schlimmste hab ich bald überstanden. Wenn ich bloß erst das Kühtai hinter mir hab, wird alles viel besser. Alles danach ist easy. Die Qualen haben bald ein Ende. Nun ja, wie man sieht, Zucker ist sehr gut für mich! Die Denkerei entwickelt sich in die richtige Richtung. Wenn sich jetzt auch noch der Körper entschließen könnte, an dem ganz Unterfangen sinnvoll zu partizipieren, könnte das ja doch noch ein netter Tag werden.

 

Aber er will nicht. Gleichwohl die Gegend mittlerweile viel schöner ist und Kühe am Wegesrand Gel-Packerl fressen (was zwar gar nicht gut für Kühe ist, aber sehr lustig ausschaut), leide ich unter den nächsten steilen Stückerl. Zum ersten Mal in meinem Leben wäre ich bereit, sämtliche verbotene Substanzen ohne Nachfragen oder Nachdenken zu mir zu nehmen, wenn nur endlich die Leiderei vorbei wäre. Aber solche Wundermittel gibt’s sowieso nicht und um 8 in der Früh steht auch niemand am Straßenrand der Teufelszeug verteilt.

 

Die Staumauer mag ich gern. Hat irgendwie was spaciges mitten im Gebirge. Nach der Staumauer kommen Kurven und bis oben ist es nicht mehr weit. Und freundlicherweise gibt es jetzt Leute, die sich von mir überholen lassen. Und eigentlich ist Radfahren gar keine so üble Beschäftigung. Berge in der Früh sind auch sehr fesch und Almen auch. Und es ist ja nicht mehr weit, bis das schlimmste vorbei ist! Eigentlich scheint es schon vorbei zu sein, zumal ich schon die Kurve zur Dortmunder Hütte (ich glaub, die heißt so) sehe und da wird’s ein bissi steiler davor und danach auch. Und Steilheit in Maßen genossen ist praktisch nie verkehrt. Außer bergab natürlich. Uiiii, es ist alles so fesch und bei der Hütte steht irgend ein durchgeknallter Typ auf einem durchgeknallten Auto und spielt durchgeknallte Musik! Finde ich sehr witzig! Und am Straßenrand wirds etwas belebter. Prinzipiell brauch ich nicht unbedingt Zuschauer, aber das hat jetzt schon was Nettes. Und die Sonne scheint. Oje, ich werd schon wieder rührselig. Zuckermangel! Essen, ganz dringend! Aber dann kommt ohnehin schon dieses herrliche Schild „Labe in 1000m“ und ich geb Vollgas. Das ist ein neues Features, dass ich dermaßen auf  Laben steh.

Oben ist alles sehr fesch. Herrliche Labe, herrliches Klo. Viel essen! Sonnenschein. Viele Leute (das ist sehr gut, weil dann sind immer noch welche hinter mir). Und dieses herrliche Gefühl, dass das ein ganz toller Tag wird und ich dann gleich loslegen werde, den Ötztaler zu fahren und sich alles ganz wunderbar ausgehen wird. Nach der vorangegangen Quälerei ist das wirklich ein traumhafter Zustand! Jetzt müss ma nur noch runter von dem Bergerl!

Ein guter Zeitpunkt um den „Ich will mich bemühen“-Vorsatz umzusetzen. Runter ist das Kühtai eine sehr feine Sache. Leute überholen macht das Ganze noch viel feiner! Glücklicherweise machen es mir die Kollegen nicht sehr schwer sie zu überholen, aber bei meiner Affinität zum Bergab bin ich schon bemerkenswert gut unterwegs. Einzig die Kanaldeckel-Mafia in Sellrain bremst mich ein wenig ein. Ich hab noch nie in meinem Leben soviel Kanaldeckel auf so einem kurzen Abschnitt und noch dazu paarweise auftretend gesehen.

Nun, jetzt fahr ich mit den Leuten, mit denen ich den Tag verbringen werde. Da das gar nicht so wenige sind, bin ich ganz beruhigt, dass ich zumindest bis Innsbruck ein Grüppchen haben würde, an das ich mich anhängen könnte. Und wenn alles gut ginge, dann würde ich vielleicht auch den Brenner in Gesellschaft fahren. Ganz urplötzlich taucht dann auch schon der Erste auf, denn ich sofort ganz furchtbar lieb hab. Wie ein artiges Entenkücken folge ich ihm brav und unauffällig. Und dann tauchen gleich die nächsten „Ich hab dich lieb!“s auf („Ich hab dich lieb“s ist mein neuer Begriff für Alle, hinter denen ich gerne herfahre. Bei jedem, der mir unterkommt, hüpft mein Herz vor Begeisterung!).  Ich werd schon wieder rührselig. Gott sei Dank haben die „Ich hab dich lieb“s auch Hunger und so rollen wir picknickend Richtung Innsbruck. Es gibt genau eine Gegensteigung bis Innsbruck und prompt reiß ich ab, weil ich der fixen Überzeugung bin, dass die alle besser sind als ich. Und weil ich weiß, dass ich sie beim Bergab auf der anderen Seite sowieso einhole.

Bis Innsbruck ist es nett. Dann fängts langsam an wieder bergauf zu gehen. Ich schummle mich in der Gruppe ganz nach vorne vor lauter Angst, dass ich gleich wieder alle verlieren werde. Obwohl es eigentlich egal ist, weil ich in der ersten Kurve stehen bleiben muss um meine Jacke auszuziehen.

Der zweite Berg – Brenner

Der Brenner ist überhaupt kein Berg. Da muss ich zwischendurch immer wieder auf den Höhenmesser schauen, ob ich gerade bergauf oder bergab fahre. Der Brenner ist irgendwas, das man überwinden muss, um irgendwo anders rauffahren zu können. Aber Berg ist das sicher keiner! Außerdem fürchten alle den Brenner, weil dort immer so schnell gefahren wird. Mir ist das wurscht, weil ich da dann sowieso gleich abreißen werde. Auf jeden Fall will ich kein bisschen Kraft am Brenner lassen, weil die will ich mir aufheben für die wirklichen Berge. Und wenn ich mich am Brenner schon anstrengen müsst, …..

Der Brenner hat sich für mich ordentlich bemüht, hatte einige interessante Überraschungen für mich parat und war eines der lustigsten Sachen, die ich jemals in einer Gruppe gefahren bin.

Während ich meine Jacke gemütlich ausziehe, ziehen die „Ich hab dich lieb“s ebenso gemütlich an mir vorbei. Weil ich mich so weit nach vorgeschummelt hab und mich so bemüht hab auf dem ersten Bergauf-Stück, dauert es ein Weilchen bis alle vorbeigefahren sind. Schließlich bin ich ausgezogen und sehe schon die nächsten „Ich hab dich lieb“s kommen. Sehr gut, denk ich mir, fahr ich gemütlich weg, dann werdens mich bald eingeholt haben, dann hab ich wieder eine Gruppe zum fahren.

Die Gfraster wollen aber einfach nicht daherkommen. Und dann seh ich nicht weit vor mir die vorigen „Ich hab dich lieb“s (mit dem Begriff wird’s bald vorbei sein, weil ich mittlerweile genug gegessen hab und außerdem bei objektiver Betrachtung keiner von denen wirklich für die Ewigkeit anbetungswürdig gefahren wär. Die Anbetungswürdigen sind schon längst am Jauffen.). Blöde Sache, wenn man zwischen zwei Gruppen alleine fährt.. Aber nachdem es noch ein Stückchen bergauf geht, stehen die Chancen nicht schlecht, dass ich sie einhole. Ein eigenartiger Gedanke – ein Grüppchen, das langsamer bergauf fährt als ich. Kurz bevor ich sie einhole, überholt mich ein Servicewagen, der mir aber partout keinen Windschatten geben wollte. Ganz im Gegenteil - als ich zu ihm aufschließe, schwenkt der Aff aus, damit ich ja das ganze Loch selber zufahren muss! Dabei hätt mir das sehr gut gefallen, hinter einem Auto nachzufahren!

Ab jetzt beginnt der seltsame Teil – eigentlich war es schon seltsam, dass ich die Gruppe wieder eingeholt hab. Aber alles Folgende wird noch viel seltsamer und es dauert ein Weilchen bis ich die Situation check.

Kurz nach dem ich die Gruppe einhole, geht’s wieder ein bisserl mehr bergauf und ich hab gleich wieder die Angst, dass ich sie verlieren werde. Also schummle ich mich wieder nach vor und schwenke zeitig nach links aus, damit ich zumindest nicht deswegen abreiß, weil ich eingesperrt bin. Aber da schwenken viele aus, weswegen ich mein junges Leben auf der Gegenfahrbahn riskieren muss, weil wenn ich mich schon bemüh schneller zu fahren, dann will ich nicht im Überholstau herumgrundeln. Ist irgendwie recht lustig und geht auch alles ganz gut. Vor mir ist wieder mal mein erster „Ich hab dich lieb“, den ich wirklich zu so etwas wie meiner Entenmami gemacht hab. Der fährt sehr brav voraus. Und irgendwann frage ich mich, wo jetzt den alle sind. Weil dass ich abgerissen bin, wäre mir nicht aufgefallen. Aber andererseits sind die Entenmami und ich ganz alleine. Komisch. Aber eigentlich wurscht.

Ein Weilchen finde ich es recht fesch hinter der Entenmami herzufahren, ist nicht so richtig schnell, aber trödeln tut er auch nicht. Immer wieder tauchen vereinzelt Leute vor uns auf. Ich würde so gerne bei einem von denen bleiben, weil größere Gruppen sind mir doch lieber als diese idyllische Zweisamkeit. Aber kaum holen wir jemanden ein, überholt er auch schon wieder. Wie ich einsehen muss, kann man hinter denen aber wirklich nicht fahren. Eine Tragöde! Jetzt simma erst am Brenner und da hängen schon soviel Leichen herum. Wir sind nämlich wirklich nicht schnell gefahren und keiner wollte mitfahren.

Ewig wollte keine Gruppe auftauchen – wir sind sicher 5 Minuten so zu zweit  dahingefahren. Schließlich sind von hinten zwei furchtbar Ambitionierte daher gekommen und die Entenmami wollte an denen dran bleiben. Sehr gut hab ich mir gedacht, nur keine Rücksicht auf das Mädel nehmen! Gebts Gas, Burschen! Nicht schwächeln, keine Rücksicht auf das Mädel nehmen! Bloß nicht! Endlich ist dann eine Gruppe aufgetaucht und wegen dem Mädel hättens dann nicht mehr extra schneller fahren brauchen. Also genauso genommen, war es einer der voll angegast ist und die Entenmami hat brav versucht ihn nicht zu verlieren und ich hab mich kraftschonend bemüht bis zur Gruppe mitzukommen. Es ist herrlich, wenn 20 Leute vor einem fahren! Und man lieblich hinterher rollt!

Wie wir so bergwärts rollen, wird mir plötzlich das erste Mal so richtig bewusst, dass ich jetzt wirklich den Ötztaler fahr! So ganz wirklich und ordentlich, wie alle anderen das auch machen! Wow, ist das ein cooles Gefühl! Und gut gehen tuts mir auch noch dabei!

Irgendwann hab ich dann den Eindruck, dass die vorne eine kleine Meinungsverschiedenheit hätten und deswegen Bummeln. Schön langsam ist mir aber klar geworden, dass die nicht schneller können. Und überhaupt einige sehr an ihrer Grenze fahren. Blöde Gschicht! Ich überlege, ob ich eventuell vor fahren soll und Tempo machen. Aber es sind 4000 Starter, davon knapp 200 Frauen – kann man da echt erwarten, dass eine Frau für die Männer im Wind fährt??? Außerdem würds die Gruppe sprengen, wenn ich nach vor fahr und eigentlich wollt ich’s ja gemütlich. Nur halt ein bisserl schneller. Und wenn ich nach vor gefahren wär, wär ich richtig schnell gefahren und das wär dann richtig anstrengend gewesen. Und wer weiß, wie lange ich das richtig schnell Fahren ausgehalten hätt. Die Windschattensache ist schon ein vertrackte Ding! Gemütlich wars auf jeden Fall! Und lustig! Zwar hab ich ein etwas schlechtes Gewissen wegen der Windschattenschmarotzerei, aber andererseits war ich auch artig und hab keine Unruhe in die Gruppe gebracht.

Mit GanzHintenInDerGruppeFahren ist dann auch bald Schluss, weil bei jedem kleinen Schupferl das Ende abreißt. Ziemlich  weit vorn ist gut, allerdings muss ich bei den Schupferl aufpassen, dass ich als Letzte ausschwenke und mich hinten halte, weil ansonsten wär das ein wenig zu einem Wettrennen ausgeartet, wonach mir gar nicht zumute war. Und so war ich nach jedem Schupferl immer die letzte in einer Gruppe, die immer kleiner wurde. Und immer schneller. Beim letzten Schupferl vor der letzen Steigung muss ich dann richtig ordentlich treten um mitzukommen. Das wird kein gutes Ende nehmen! Ich muss unbedingt bei der letzten Steigung gleich abreißen, weil die werden sich gegenseitig kaputt fahren.

Das haben sie dann auch wirklich gemacht. Aus Versehen, zwar. Aber am Ende der Steigung hab ich sie nach einem gemütlichen Bergauf wieder eingeholt. Männer sind seltsame Wesen. Und wenn sie in Gruppen unterwegs sind sowieso.

Plötzlich taucht das „Labe in 1000 m“-Schild wieder auf! Während alle mehr oder weniger gemütlich rollen, muss ich natürlich wieder Vollgas geben! Am Brenner oben ist es flach, da ist Rollen pure Zeitverschwendung. In Anbetracht einer bevorstehenden Labe sowieso!

 

Die Brenner-Labe ist riesengroß! Und urviele Leute kugeln da herum.  Ich trinke Suppe, esse Käsebrote, trinke Redbull mit Wasser (glücklicherweise ist der Herr Trainer ganz weit weg und kann mir dieses Vergnügen nicht ausreden.), esse Kuchen, packe Kuchen (in Alufolie) in den BH – für die Verköstung unterwegs. Und freu mich wie blöd, dass ich jetzt nur noch einmal bergab muss und es dann richtig los geht! Eigentlich ist es mir egal, was jetzt kommt, weil die Auffahrt zum Brenner war so lustig, dass sich alleine dafür die Teilnahme schon ausgezahlt hat.

Beim Rausfahren aus der Labe fällt mir auf, dass das ein bisschen eine einsame Angelegenheit ist. Die Gfraster sind alle bei der Brenner-Labe hängen geblieben. Leider ist der Brenner bergab auch so, dass ein Grüppchen nicht schlecht wäre. Das Grüppchen will sich nicht finden. Einzig ein älterer Mann (mit einem Finisher-Trikot!), der mit mir aus der Labe raus fährt ein passendes vom Tempo. Nach der Bummelei auf den Brenner möchte ich es bergab etwas zügiger haben, natürlich wieder windschattenschmarotzend.

Der dritte Berg - Jauffen

Eigentlich würds mir jetzt dann reichen mit dem Radlfahren. Bis hierher wars ja sehr nett, aber dass es schon wieder bergauf geht müsste nicht sein. Hunger hab ich auch. Und alle fahren schon wieder so schnell. Manche können ihre Kraft deswegen so verpulvern, weil’s für sie eh der letzte Berg ist. Obwohls für mich der letzte Berg vorm letzten Berg ist, fühlt er sich eher so an, wie der erste Berg vorm letzten Berg. Mit Hunger ist gar nicht gut fahren, Hunger unmittelbar nach einer Verpflegungsstation ist irritierend. Aber mit ein paar Powergels lässt sich alles wieder in Ordnung bringen. Und schon ist es der letzte Berg vorm letzten Berg. Essen macht Bauchweh. Blöd aber auch. Bauchweh führt zu ungünstiger Körperhaltung was wiederum Kreuzweh macht. Noch blöder, andererseits ist das Bauchweh nicht mehr so interessant, weil das Kreuz viel weher tut. Kreuzweh macht unruhiges sitzen. Sehr blöd, das verursacht ganz unangenehme Gefühle zwischen den Beinen. Dafür ist das Kreuzweh nicht mehr ganz so dominant, weil’s jetzt nur noch ein Drittel Aufmerksamkeit bekommt.

Zwischendurch frage ich mich, was ich hier überhaupt mache. Kann doch nicht wahr sein, dass ich schon wieder den ganzen Tag mit Radfahren verscheiß. Guns n’ Roses versucht mich mit  „Nothing lasts forever, even cold november rain“ zu beruhigen, was mir in Anbetracht der mich umzingelnden Hitze Hirnsausen verursacht.

 

Sitzweh kann man am Besten beheben, in dem man im Stehen fährt. Das macht müde und atemlos. Unglaublich, was einem auf so einer kurzen Distanz alles passieren kann.

Aber immerhin haben die Leute aufgehört mich zu überholen und lassen sich brav zurück überholen. Als dann auch noch der Wald aufhört und die Weite der Bergwelt vor mir auftaucht, ist die Welt wieder in Ordnung. Herrlich schlängelt sich die Straße vor mir den Berg hinan, mit einem kurzen steileren Stück vor der Labe am Jauffen.

 

Am Jauffen bemüh ich mich möglichst schnell möglichst viel zu essen. Aber ich bin zu langsam. Der Schlusswagen taucht auf. Die Leutchen werden ganz aufgeregt, wies den jetzt weitergehen soll. Aber der Herr Schlusswagenfahrer ist sehr lieb und beruhigt alle, dass alles in Ordnung ist und dass man in Ruhe weiter pausieren kann. Nur demnächst dürfen halt die Autos wieder fahren.

Ich mag Autos nicht. Und vor lauter viel und schnell essen ist mir sowieso schon ein bisschen nicht gut. Und von selber wird das bevorstehende bergab auch nicht verschwinden. Also fahr ich und sonderbarer Weise überhol ich auch hier vereinzelt Leute, was sehr verwirrend ist, weil ich bin müde im Kopf und da hab ich überhaupt keine Lust mehr bergab zu fahren. Außerdem ist die Straße sauschlecht und der Jaufen wurde von der Kurvenmafia heimgesucht. Kein Berg braucht bergab so viele Kurven. Da hätte man locker einige einsparen können und dem Kühtai stiften. Es geht ewig bergab und es wird ewig immer heißer und heißer. Ich glaubs gar nicht wie ich in St. Leonhard ankomm, dass jetzt wirklich unten sein soll.

 

Ich bin ganz aufgeregt. Aber jetzt wird’s spannend. Und lustig.

Der vierte Berg - Timmelsjoch

Der vierte Berg, der eigentliche Berg, ziert sich ein wenig bevor er sich befahren lässt. Die Zufahrt durchs Passaier Tal hat ein bissi was Bösartiges an sich. Abgesehen davon dass die Hitze vor dem bevorstehenden Wetterumschwung im Tal steht, sind da auch immer kleine Zwischensteigungen eingebaut, die einen schon zermürben können. Ich vertrag Hitze gar nicht gut und so fetz ich von einem Schatten zum nächsten.

Manche der Mitfahrer wirken schon ordentlich angeschlagen, was ich zu dem Zeitpunkt irgendwie witzig finde. Schließlich haben mich die Gfraster alle mal respektlos überholt.

Sehr witzig find ich’s in Moos: mittlerweile ist es mir schon unerträglich heiß und das Passaier Tal find ich  unmöglich lang (es ist irgendwie beängstigend, wenn man so lange ein Tal bergauf fährt und weiß, dass der eigentliche Berg erst kommt und noch viel länger und noch viel steiler sein wird) und kurz vor Moos geht’s auch noch ordentlich bergauf. Und plötzlich taucht Moos auf und am Straßenrand sitzt ein Haufen hiniger Radfahrer. Das Passaier Tal kann einen echt fertig machen. Witzig hab ich’s auch nur deswegen gefunden, weil ich zu dem Zeitpunkt nicht gecheckt hab, dass die da wahrscheinlich kein Päuschen gemacht haben, sondern auf den Besenwagen gewartet haben.

Moos ist der Anfang vom Ende. Nach dem die Zufahrt einigermaßen steil ist und man froh ist, dass man das Passaier Tal endlich überwunden hat, geht’s um eine Kurve. Und dann wird’s wirklich richtig ordentlich steil. Das hätt ich jetzt gerade nicht gebraucht. Wenn das so weitergeht – andauernd kommt was daher, was noch mal steiler ist – wird bald Schluss sein mit lustig. Aber einstweilen hab ich’s noch lustig. Als Auflockerung zum ziemlich Steil kommt ein Kürvchen. Da stehen schon wieder Leute, die ein wenig fertig aussehen. Und in dem Kürvchen muss ich wirklich lachen – da hängt ein Plakat, wo drauf steht „Ausgeträumt?“. So herbe Scherze hätte ich nicht erwartet.  Es ist steil, es ist heiß, es gibt etwas Schatten, es gibt Kurven, es gibt genügend Leute zum überholen. Radfahren kann schon sehr nett sein, wenn man sich vorher sehr ausführlich aufgewärmt hat. Mittlerweile erfreut mich Johnny Cash mit „Ghostrider“. Warum hab ich eigentlich lauter Schlechtwetter-Musik mit?

Und schon taucht der erste Tunnel auf. Ich hasse Tunnels. Dunkel und feucht; große Löcher, die man nicht sieht; vor lauter dunkel wird’s mir immer schwindlig und vor den Geister, die ganz sicher in den Tunnels wohnen, hab ich furchtbar Angst. Und eisig kalt ists auch drinnen. Das ist ein guter Tag um die Tunnels lieben zu lernen. Gibt’s was Herrlicheres auf der Welt als einen eisig kalten Tunnel, in dem das Wasser von der Decke tropft? Ganz langsam rolle ich durch den Tunnel, wenn’s nicht so anstrengend wär, wär ich abgestiegen und hätt geschoben, um länger drinnen bleiben zu können.

Es ist ein ordentliches Stück bis zur Labe. Mittlerweile sind da auch einige Frauen, mit denen man ganz lustig fahren kann. Leute überholen ist auch lustig. In der Labe ists auch lustig. Ich finds so super, dass ich so schnell so wahnsinnig viel Zeugs in mich hineinstopfen kann, ohne dass irgendwo wieder was außerplanmäßig rauskommt.  Das Fresstraining im Vorfeld hat sich voll ausgezahlt!

Wenns einen noch gut geht, kann man die Labe lustig finden – da liegen Leute mim Compex herum, andere werden massiert. Andere schauen aus, als wären sie grad von einem Schlachtfeld heimgekommen. Insgesamt ist eine sehr gedämpfte Stimmung. Ich bin immer noch ganz aufgeregt, weil ich doch endlich am Timmelsjoch bin und das Panorama ganz aufregend ist und Radfahren so fein ist. Und weil ich doch so neugierig bin, wie sich das noch alles entwickeln wird. Einzig die Information, dass es auf der Söldener Seite schon regnet, beunruhigt  mich ein wenig. Aber wie immer bin ich der fixen Überzeugung, wenn ich mir ganz fest wünsch, dass das Wetter schon aushalten wird, dass es das dann auch tut. Aber wie immer, ist es manchmal eben nicht so.

In der Labe hab ich vielleicht doch ein Spürchen zu viel gegessen. Der Bauch zwickt ein wenig und der Hals bemüht sich, dass nix den Magen in die falsche Richtung verlässt. Die Luft wird auch immer dünner. Nach dem ich ab 1800 hm Atemprobleme bekomm, wird’s allmählich ein wenig anstrengend. Aber die Aussicht auf die Berge ist ein Wahnsinn!

Leute überholen ist auch nicht mehr ganz so unterhaltsam, weil die teilweise wirklich arg angeschlagen aussehen. Das finde ich jetzt tragisch, weil die habens so weit geschafft und einige von ihnen sind so angeschlagen, dass bald Schluss sein wird.

 

Der Berg ist aber auch gemein – es geht endlos dahin. Zur Abwechslung wird’s wieder steiler und wenn dann eine Kurve kommt, hat man Ausblick, auf das was noch auf einen zukommt. Und das schaut noch steiler und endlos aus. Mittlerweile hat es etwas zu regnen begonnen. Es sind fast schon mehr schiebende als Fahrende unterwegs. Jedes mal wenn ich jemanden überhole, hab ich den Eindruck, dass die noch langsamer werden während ich sie überhole. Ich kann nicht mehr hinsehen. Schließlich bin ich jetzt selbst auch schon müde und der Regen trübt die Stimmung, vor allem weil ich mich schon ein wenig vor der anderen Seite des Berges fürchte. Ich will niemanden mehr überholen, ich will niemanden mehr sehen. Wenn rundherum alle so leiden, plagt mich das mitleid. Und zu allem übel kommt dann auch noch ein vollbesetzter Besenwagen  daher. Das find ich ganz besonders schlimm, weil das wirklich deprimierend sein muss, dass wenn man sich so bemüht hat und so weit gekommen ist, dass man so nahe dran ist, aber doch zu weit weg.

Mir reichts jetzt dann auch. Der Berg nimmt kein End. Ich mach das, was ich immer mach in solchen Situationen. Ich fahr zur nächsten Kurve und steig hab und hab eine dreiminütige Sinnkrise. Im Zuge dieser Sinnkrise beende ich das Musikhören und höre plötzlich ganz laut meinen Atem. Da heroben ist verdammt wenig Luft. Sinnkrisen können auch sehr lustig sein, weil in der Sinnenkrisenkurve steht einer von den Begleitmotorrädern und versucht alle Daherkriechenden aufzumuntern – „Noch eine Kurve, dann noch ein Kilometer bergauf , dann kommt der Tunnel und dann wird’s flacher.“. Das sagt er permanent. Der Satz gefällt mir so gut, dass ich in der Kurve bleiben will und ihm ewig zuhören. Aber nach dem zehnten Mal ist er dann doch fad. Nach dem ich ordentlich durchgeschnauft hab, fetz ich den letzten Kilometer hoch, damit ich endlich zum großen Tunnel komm. Und dann ist es auch schon flacher.

Auf den letzten Metern bergauf bin ich glücklich und zufrieden, weil ich es geschafft hab. Aber ein wenig wehmüitg auch, weil es jetzt vorbei ist. Und ein klein wenig amüsiert, weil die Leute trotzdem es so flach unglaublich dahin kriechen. Ich frage mich, ob das wirklich notwenig ist, dass es mir noch so gut geht. Ob da nicht was grundlegend falsch gelaufen ist, weil doch etwas mehr Leiden am Timmelsjoch angebracht gewesen wäre.

Schad, dass das Wetter so schlecht ist. Das Flachstück oben würde nämlich ein herrliches Panorama abgeben und man könnte die letzten Meter bergauf sehr genießen.

 

Oben ist es kalt und grauslich –genau wie beim letzen Mal, wie ich hier oben war. Ich will nur schnell runter, genau wie beim letzen Mal. Es ist ekelig bergab. Wirklich sehr schade, weil das Timmelsjoch wär sehr schön bergab zu fahren Wenns regnet mag ich gar nicht bergab fahren. Und anstatt dass ich da Leute überhole bergab, überholen mich 300 Leute. Eine Tragödie!  Die Schnellsten haben glaub ich etwas über 20 Minuten bergab gebraucht, ich eineinhalb Stunden. Einzig die kleine Gegensteigung hat mir gefallen. Da wars nicht ganz so kalt. Da hat mich auch keiner überholt.

Ich muss mir sehr gut zureden, damit ich weiter bergab fahr. Zwischendurch amüsiere ich mich darüber, dass ich mich bei der Auffahrt zum Kühtai vielleicht doch getäuscht hab, wie ich geglaubt hab, damit hätte ich das Schlimmste hinter mir. Aber der Hälfte, bin ich mir dann ganz sicher, dass diese Regenabfahrt mindestens genauso grauslich ist, wie der erste Berg.

„Hier endet Dein Traum“ wird man in Sölden mit einem letzten Transparent begrüsst. Es ist kalt, es beginnt dunkel zu werden und regnen tuts auch. Es ist nicht verkehrt, das es vorbei ist.

 

 

Epilog

Es war sehr fesch. Alle, die ich kenne sind wohlbehalten zurückgekommen. Manche von ihnen haben sogar ihre Altersklasse gewonnen (Ewald). Alle waren glücklich und zufrieden mit sich. Welch ein herrlicher Sonntag. Morgen geh ich nicht Rad fahren.