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Das wird jetzt eine ganz
lange Geschichte. War aber auch eine ganz lange Sache!
Die Vorgeschichte
Als mir plötzlich der
Gedanke kam, dass ich unbedingt den Ötztaler fahren muss, gings
noch von Innsbruck nach Innsbruck. Ich hab einen Bericht im
Fernsehen gesehen vor 15 Jahren – in dem herrlichen Jahr, wo mir
klar wurde, dass ich fortan nur noch bergauf fahren will. Ganz
beeindruckt von dem vielen Berge die beim Ötztaler zu fahren
sind, beschloss ich das Projekt
in angriff zu nehmen. Und 15 Jahre später wars dann auch
schon beendet (ich bin bei allem langsam, nicht nur beim
Radfahren).
Die bösen Menschen um mich
Wie ich angefangen habe
darüber zu reden, haben die Leute, die mich nicht so gut kennen,
dass ganze als völlig daneben empfunden und mir Unmengen von
Dingen empfohlen, die ich statt dessen machen sollte. Für mich
war unklar, warum meine herrliche Idee solches Unverständnis
auslöste, weil ich mir gedacht hab, wenn ich glaub, dass ich das
kann, dann werde ich’s wohl können (Ich mach nur Sachen, die ich
kann. Ich bin ein
bequemer Mensch und riskier nix. Und das, worauf ich am meisten
Stolz bin in meinem Leben ist, dass ich es immer aus eigener
Kraft nach Hause geschafft hab und mich niemals die Bergrettung
holen musste und ich nie verunglückt bin und dass ich mich trotz
Todesangst immer selbst aus den blöden Situationen, in die ich
mich gebracht habe, retten konnte). Außerdem wusste ich ja, dass
der Ötztaler sicher nicht das Schlimmste in meinem Leben sein
würde.
Die Menschen um einen
können einen schon ordentlich zermürben, vor allem wenn man
ohnedies in einer Fahrkrise ist. Aber glücklicherweise habe ich
mit den Skeptikern und Zweiflern schon genug Erfahrung. Wenn ich
immer auf das gehört hätte, was die anderen für möglich und
schaffbar gehalten haben, wären mir einige wunderbare Erlebnisse
und Katastrofen entgangen.
Die Vorbereitung
Wie schon in der
Vorbereitung zum ersten Versuch (vor zwei Jahren hatte ich schon
mal einen Startplatz, aber in der Vorbereitung im Juli dann
aufgegeben. Gestartet bin ich dann trotzdem um zu wissen, wie
mein Trainingszustand ist und um mich der Angst vor dem Start zu
stellen; am Brenner hab ich dann aber aufgehört, weil’s
ansonsten eine Plagerei geworden wär.) traten mit der
Intensivierung des Trainings Versorgungsprobleme auf. Ich esse
tendenziell wenig und mit überschaubarer Begeisterung, wenn ich
müde werde – und das passiert bei intensivem Training häufig –
reduziere ich das Essen noch mehr.
Daher hab ich mich den
ganzen August nur mit Essen beschäftigt. Nach einem sehr
anstrengenden Urlaub Anfang August war ich essensmäßig schon
sehr weit hinten, daher hab ich Kampfessen trainiert. Jeden Tag
mindestens drei Mahlzeiten und essen, was Platz hat. Zwei Wochen
vor dem Marathon hab ich mit dem Projekt „Ganserl stopfen“
begonnen, was sich sehr bewährt hat. Weil dadurch konnte ich
dann auch bei Ötztaler Unmengen von Zeugs in mich hineinstopfen
und bei mir behalten. Trotz „Ganserl stopfen“ hatte mein Körper
noch immer einen Energiemangel und am Freitag vor dem Ötztaler
war es unsicher, ob ich nicht unterwegs am Essen scheitern
würde. Andererseits hat mir die Fessvorbereitung gezeigt, wie
unbedingt ich ihn fahren wollte.
Prolog
An einem Sonntag Morgen
rechtzeitig in der Früh: Ich muss um 4 Uhr aufstehen und schon
vor dem Frühstück zum Essen anfangen, weil ich auch dabei
langsam bin. Die Burschen (Ewald, Gabriel und Freunde) haben das
offizielle Frühstück auf
5 Uhr festgelegt, da würd ich nie und nimmer fertig
werden bis zum Start. Zum offiziellen Frühstück erscheinen dann
auch alle recht pünktlich. Einzig der Quartiergeber bevorzugt es
weiterzuschlafen. Die Burschen haben das erstaunlich gelassen
hingenommen. Schließlich gibt’s dann aber doch irgendwann
Frühstück. Ohne Tee wär das fahren gar nicht fesch geworden.
Durch die
Frühstücksverzögerung hole ich Helene zu spät ab, daher können
wir nicht so weit vorne starten, wie gewünscht obwohl uns Josef
ein fesches Platzerl reserviert hätte, Weit vorne starten ist
wichtig! Weil da fahren die Leute besser und außerdem sind noch
viele Leute hinter mir und die paar Minuten, die ich beim Start
gewinne, sind ein beruhigender Vorsprung, der zumindest reichen
sollte, um übers Kühtai nicht ganz alleine fahren zu müssen.
Leider finden wir Josef
nicht, weil wir die Sache von der falschen Seite her angehen.
Aber glücklicherweise unterstützen uns ein paar liebe Menschen
beim Vordrängen – eigentlich lassen sie uns uns einfach von der
Seite reinschummeln, wo eigentlich abgesperrt wäre. Böse Mädchen
kommen überall hin! Die netten Männer haben wir dann allerdings
ein wenig irritiert, ob der Gespräche die Helene und ich vor dem
Start führen, vor allem darüber wie wir uns das alles so
vorstellen.
Start – 6:45 Uhr
Bist du deppert, ist der
Start schön! Alles ist ganz rötlich, man könnte meinen es sei
die Morgendämmerung, die alles in ein rötliches Licht taucht –
sind aber Unmengen an bengalischer Feuern. Und dann gibt’s noch
ein Meer aus Seifenblasen und man fährt unter dem Transparent
„Hier beginnt Dein Traum“ durch und dazu tönt ABBA „I have dream“
und am Streckenrand stehen schon Unmengen von Zuschauern und
sind beeindruckend von der Masse von 4000 Radfahrern, die sich
langsam in Bewegung setzt. Für die Zuschauer beginnt damit ein
langer Tag des Wartens bis ihrer Liebe zurückkehren. Und für uns
beginnt unser Traum, der für einige zum Alptraum wird und von
dem manche viel zu früh erwachen müssen.

Allein des Startes wegen
lohnt sich der Ötztaler. Ich bin so gerührt, dass ich fast
weinen muss. Das klingt lieb, ist aber gar nicht gut. Das
heurige Frühjahr hat mich gelehrt, dass ich immer weinerlich
werde, wenn ich Zuckermangel hab. Ein völlig unnötiges Feature.
Viel lieber hätte ich eine Tankeinuhr eingebaut, die rot blinkt,
wenn’s Reserve ist. Ich habs ja gleich gewusst, dass ich mit dem
Frühstückszeugs nicht weit komm. Aber nach dem es zunächst ein
Weilchen bergab geht, ist die Lage zwar ernst, aber
überschaubar.
Ein Weilchen bergab – von Sölden nach Ötz
Vor diesem Abschnitt hatte
ich vor zwei Jahren am meisten Angst, um nicht zusagen, ich war
etwas panisch! 4000 Radfahrer, die bergab starten, das kann
nicht gut gehen. Zusätzlich zum Bergab gibt’s Kurven und Tunnels
und Fahrbahnteiler – und Radfahrer. Erstaunlicherweise bin ich
damals fröhlich trällernd in Ötz angekommen.
Dieses Mal starte ich mit
Helene relativ weit vorne, 3-4 Minuten nach dem Startschuss
waren wir bereits unterwegs (die letzten starten nach 17-18
Minuten!). Mindesten 45 Sekunden sind wir auch gemeinsam
gefahren, was eigentlich eh viel länger war als geplant. Ich bin
recht flott beim Starten und bei so einer Bergab-Partie sowieso
(was unglaublich zum Lachen ist, wenn man mich kennt – ich hasse
bergab und fahr meistens auch dementsprechend! Aber unter
günstigen Bedingungen – wenn mir danach ist – kann ich dabei
wirklich ordentlich Gas geben.).
Ich will schnell nach Ötz,
damit es länger dauert, bis mich am ersten Berg alle überholt
haben. Aber zu schnell will ich auch nicht, weil anstrengen will
ich mich auf keinen Fall so bald in der Früh, und schon gar
nicht so weit weg vom Ziel.
Am Anfang rollts ganz gut,
auch durchs erste unbeleuchtete Tunnel. Aber es will sich
partout niemand finden, der so ordentlich fährt, dass ich hinter
ihm nach fahren möchte. Betonung liegt auf ihm – weil die Sache
mit dem Vordermann ist so eine Sache. Das schreit eigentlich
gerade zu nach einem Exkurs.
Exkurs: Wer soll mein Vorfahrer sein
Wenn schon so viele Leute
gemeinsam radfahrern gehen, sollte man doch ordentlich
Windschatten nutzen können. Doch nicht jeder der vor einem
fährt, ist auch ein Vorfahrer. Schon gar nicht ein guter. Die
Wahl des richtigen Windschattenspenders beeinflusst ganz
entscheidend das Lebensglück, weil beispielsweise ein Vorfahrer
der bremst – ganz üble Sache. Ein Vorfahrer mit Blähungen ist
auch nicht günstig.
-
Haben Helene und ich auch am Start darüber
gesprochen – auf keinen Fall hinter einer Frau nachfahren,
weil Frauen fahren immer hinter herfahren und sich auch
dementsprechend verhalten. Weiters scheiden als Vorfahrer
aus:
-
Leute mit Rucksack – die fahren zu wenig in
Gruppen, weil ansonsten hätte sie die Gruppe schon zurecht
gebogen im Sinne von Rennradfahrereitelkeit. Außerdem müssen
das ganz eigenartige Mensch sein, wer braucht schon viel
Zeugs, dass er einen
Rucksack mitschleppen muss.
-
Leute mit ohne Rennrad. Hätten Sie eins,
würdens sie auch jetzt benutzen. Nach dem sie keines haben,
fahren sie auch kaum in Rennradgruppen.
-
Leute mit irgendeinem Finisher-Trikot. Die
sind sowieso immer und jederzeit zu vermeiden, weil die sind
unglaublich schnell dabei einem ihre Heldengeschichten aufs
Aug zu drücken und leiden leider bisweilen an maßloser
Selbstüberschätzung.
-
Leute, die schlecht gekleidet sind – weil
ist die selbe Sache wie mit Punkt 2 und 3, die können nicht
Packlfahren. Unmöglich, weil selbst ich als absolut uneitler
Bekleidungsmuffel mit großer Begeisterung zum schlampigen
Auftritt, konnten mich der Eitelkeit der Rennradfahrer nicht
ganz entziehen und bin nun bisweilen ordentlich gekleidet.
-
Jetzt wird’s schon schwieriger (Punkt 6-8
sind ganz schwierig!), weil nicht mehr so eindeutig: Leute,
die zu dick sind – die fahren zu wenig (sagt die, mit dem
fetten Hintern!). Gibt zwar Ausnahmen, aber dieses Happening
ist nicht der richtige Anlass, die Ausnahmen zu finden.
-
Alte Männer: Die fahren entweder schon ihr
ganzes Leben lang und sind sowieso viel zu schnell. Oder sie
sind absolute Individualisten. Und die wirklich älteren, die
schon wieder so langsam wären, dass ich ihnen nach komm,
sind schwer zu finden – vom Brenner bergab hab ich einen
gefunden, der hatte noch dazu irgend ein Finisher-Trikot an
und die Figur war auch nicht perfekt, aber gefahren ist er
wie ein junger Gott. Selektionskriterien muss man sofort
über den Haufen werfen, wenn einem ein statistischer
Ausreißer unterkommt.
-
Leute, die zwar den richtigen Körperbau
haben, aber nicht gut ausschauen von hinten beim Radfahren.
Die fahren entweder zu wenig oder haben zu wenig
Körpergefühl. Beides ist nicht vertrauenserweckend.
-
Leute, die dauernd äußerst rechts fahren.
Die sind zu ängstlich und sind zu wenig vorausschauend –
nach äußerst rechts kommt nur noch der Fahrbahnrad oder die
Wiese oder die Leitplanke. Und dahin kann man gar nicht gut
ausweichen.
-
Leute, die dauernd die Spur wechseln. Die
sind meistens gemeingefährlich.
-
Leute, die dauernd äußerst links fahren. Die
sind übermotiviert.
-
Italiener – die sind so wahnsinnig gesellig,
dass sie dauernd ausschwenken um zu schauen, wo den der
langsamere Kollege bleibt.
-
Leute, die so fahren wie ich – die würden
zwar gut genug fahren, sind aber sehr unruhig, weil sie
dauernd auf der Suche nach einem Vorfahrer sind. Und daher
praktisch völlig rücksichtslos gegenüber ihre Hintermänner
sind. Und sowieso permanent nur an sich denken und falls sie
an andere denken nur um sie einer der 13 Klassen zuzuordnen.
Irgendwann nach 10 km oder
so, ist mir die Liste zu lang geworden und ich hab beschlossen,
dass es genau zwei Arten von Leuten gibt, hinter denen ich
nachfahren möchte:
-
Leute in irgendeinem Vereinsdress – die
Hoffung scheint berechtigt, dass die Packl fahren können
-
Leute mit Assos-Hosen – die sind am
richtigen Weg. Die haben sicher schon lange Erfahrung mit
dem Radfahren, weil wer würde sich sonst so sündteures Zeugs
kaufen.
Mit der zweiten Liste war
das ganze lustiger. Ist viel unterhaltsamer, jemanden zu suchen,
als dauernd nach zu denken, zu welcher Klasse jemand gehört.
Das Ende vom Exkurs – weiter im Verlauf
Es rollt zwar Richtung Ötz,
ist aber alles ein wenig unruhig. Und dann vor dem zweiten
Tunnel wird’s auf einmal ganz unruhig – man sieht die Leute im
Tunnel stehen. Ganz schlecht, weil da hilft lenken auch nix
mehr, sondern nur bremsen und schreien und hoffen, dass die
Nachfolgenden das auch machen. Der Stau lässt Böses ahnen, vor
allem es dauert ein Weilchen bis ich durch den Tunnel bin – und
da ist eigentlich permanentes stop and go und schreien.
Nach dem Unfall sitzt eine blutende Frau in der Mitte der Straße
und am Straßenrand sitzen auch welche oder tragen ihre kaputten
Räder.
Nach der Unfallstelle
fahren dann alle vorübergehend etwas gedämpft. Ich bin ziemlich
schockiert, vor allem weil es eine Frau war – ich bin der fixen
Überzeugung, dass Frauen vorsichtiger und rücksichtsvoller
fahren. Und weil es halt so wenige von uns gibt beim Ötztaler.
Da kann ich dann gar nicht mehr ordentlich bergab fahren und
muss dauernd mit den Tränen kämpfen – war zwar eine schlimme
Sache, aber eigentlich – Zuckermangel! Akut!
Bei einer kurzen Steigung
fang ich dann auch gleich an zu essen. Wie soll sich das bloß
entwickeln, wenn ich bergab schon zum Essen anfangen muss.
Schließlich ist Schluss mit
lustig – Ötz Kreisverkehr. Es geht bergauf – „Aufgewacht?“
trifft das Transparenz am Streckenrand genau den Punkt.
Der erste Berg – Kühtai
Der Auffahrt zum Kühtai
fehlt alles was einen Berg zu einem richtigen Berg macht. Es
beginnt zu steil, es sind mindestens 20 Kehren zu wenig, 127
gerade Abschnitte zu viel, zu wenig Aussicht, das Steilstück ist
viel zu lang. Kurz gesagt, das Kühtai ist ekelig, um 8 in der
Früh sowieso. Und als erster Berg erst recht.. Nie wieder fahr
ich einen ersten Berg! Am Ortsende vom ersten Ort bin ich mir
ganz sicher, dass ich mir nie wieder die Qualen des Ötztalers
antun werd. Allerdings negative Gedanken habe ich für diesen Tag
als nicht zweckdienlich verboten. Ich neige dazu, mich selbst zu
zermürben – diesem unnötigen Feature sollte ich nach Möglichkeit
erst etwas später hingeben. So in 10 Stunden oder so, wenn
überhaupt.
Ich hab mich ja auf das
schlimmste eingestellt – ich kenn ja das Kühtai und das Problem
mit dem ersten Berg kenn ich auch. Und die Qualen, die mir durch
den Körper und die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen,
kenne ich auch. Und dieses depperte Gefühl, dass der
Tagesplan – was auch immer der ist – völlig unschaffbar ist,
kenn ich auch zur genüge. Und obwohl ich weiß, wie es am zweiten
Berg sein wird und wie ich über den Tagesplan am Ende des Tages
denken und fühlen werde, bringt das meinen Körper nicht dazu,
seinen Widerstand gegen etwas sportliche Betätigung aufzugeben.
Ab der Einfahrt zum Kühtai
geht’s los mit den Qualen, die mein Körper simuliert in der
Hoffnung, dass ich gleich aufhöre und statt der unendlichen
Radlerei ins warme Bettchen zurückkehre und danach die
Alpentherme aufsuche.
Abgesehen davon, dass mich
so viele Leute um mich stressen, zumal sie unberechenbar sind,
mag ich es gar nicht, wenn mich alle überholen. Irgendwie
möchte ich gerne sehr rechts fahren, weil ich meine Ruh haben
will, andererseits sind die anderen Leute, die unbedingt rechts
fahren wollen noch stressiger als die Leute, die unbedingt jedes
Loch zum überholen ausnutzen wollen. Es ist ganz furchtbar, wenn
4000 Leute gleichzeitig einen Berg rauf fahren wollen. Abgesehen
davon, dass dafür
viel zu wenig Platz da ist, entsteht dabei ein ganz enormer
Energiesog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ich bin ja
in der glücklichen Lage, dass ich am ersten Berg tatsächlich
nicht schneller kann. Daher ist die Gefahr, dass ich mich
mitreißen lasse nicht sehr groß, aber es ist auch anstrengend
dagegen anzukämpfen und mein eigenes Tempo zu finden. Kleiner
Gang und niedrige Trittfrequenz! Das führt zwar zu nichts, aber
wirkliche Alternativen dazu sehe ich grad nicht.
Mein Körper fühlt sich an,
als ob ich einen 100 m-Sprint und noch ein paar andere
unangenehme Sachen machen würde, über 10 km halt. Mir ist es zu
heiß und zu kalt, mir ist übel – nebenbei bin ich natürlich
hungrig, ich krieg keine Luft, die Oberschenkel brennen, die
Unterschenkel wollen sich an dem Debakel sowieso nicht
beteiligen. Aufs Klo muss ich auch. Ich will die Jacke
ausziehen. Stehenbleiben ist sowieso das einzige was mir als
verlockend erscheint. Ganz lange Stehenbleiben. Oder eventuell
auch Sitzenbleiben. Aber grundlos Stehenbleiben will ich auch
wieder nicht. Schwitzen will ich sowieso nicht und die üble 16%
Steigung vor mir will ich auch nicht haben. Und wenn ich aufs
Klo muss, kann ich so was sowieso nicht fahren. Aber gar nicht
fahren ist auch irgendwie blöd – bei einem Happening wo alle
rundherum fahren. Und dass mich immer noch dauernd Leute
überholen, vor allem auch solche, wo ich mir denke, dass sie gut
daran täten bei mir zu bleiben, beunruhigt mich allmählich auch.
Weil wenn mich dann alle überholt haben, dann kommen bald die
Besenwägen und dann der letzte Besenwagen und der keppelt dann
wieder herum, dass ich nicht so herumtrödeln soll und aufs Klo
kann ich dann erst recht nimmer gehen. Zumindest nicht mehr
unbeobachtet.
Ich kämpfe gegen das
dringende Bedürfnis aufzugeben an. Weil dass das ein fescher Tag
wird, ist mehr als zweifelhaft. Das einzige was mich dazu
motiviert weiterzufahren, ist der Gedanke, dass ich es dann am
Ende nächstes Jahr wieder probiere und dann wieder um 4 Uhr in
der Früh aufstehen muss und die Tage davor wieder äußerst
unausgeglichen sein würde und ich wieder den ganzen August
durchfressen müsste. Und die Monate dafür wieder, wie blöd
trainieren würde müssen. Aber andererseits mitten im ersten Berg
aufgeben würde mir sehr viele Leiden ersparen. Und bis es
richtig lustig werden würde, ists halt gar so weit. Und wer
weiß, ob ich dann das Timmelsjoch wirklich lustig finden würde.
Obwohl es natürlich am Jaufen auch schon nett sein könnte. Und
ich hätte wahrscheinlich aufgegeben, wenn ich mitten beim
Bergauffahren aufgeben könnte. Leider kann ich das nur oben.
Daher muss ich wohl oder übel bis ganz nach oben fahren.
Außerdem stehts am Trainingsplan und zwar in voller Länge.
Irgendwann während mich die
blödsinnigen Gedanken quälen, kommen dann endlich die ersten
Kurven. Die Hoffnung, dass dann alles besser wird, stirbt
allerdings ziemlich schnell. Irgendwann kurz nach den Kurven und
kurz vor Ochsengarten-City geht’s dann leicht bergab und ich bin
mir sicher, dass mit einem Gel weniger im Trikot gleich
alles viel besser gehen wird.
Tuts aber nicht. Die steile
Steigung steht bevor. Zeit für eine ausgiebige Einheit
motivierender Gedanken. Es ist ja nicht mehr weit (bis zum
steilen Stück). Das schlimmste hab ich bald überstanden. Wenn
ich bloß erst das Kühtai hinter mir hab, wird alles viel besser.
Alles danach ist easy. Die Qualen haben bald ein Ende. Nun ja,
wie man sieht, Zucker ist sehr gut für mich! Die Denkerei
entwickelt sich in die richtige Richtung. Wenn sich jetzt auch
noch der Körper entschließen könnte, an dem ganz Unterfangen
sinnvoll zu partizipieren, könnte das ja doch noch ein netter
Tag werden.
Aber er will nicht.
Gleichwohl die Gegend mittlerweile viel schöner ist und Kühe am
Wegesrand Gel-Packerl fressen (was zwar gar nicht gut für Kühe
ist, aber sehr lustig ausschaut), leide ich unter den nächsten
steilen Stückerl. Zum ersten Mal in meinem Leben wäre ich
bereit, sämtliche verbotene Substanzen ohne Nachfragen oder
Nachdenken zu mir zu nehmen, wenn nur endlich die Leiderei
vorbei wäre. Aber solche Wundermittel gibt’s sowieso nicht und
um 8 in der Früh steht auch niemand am Straßenrand der
Teufelszeug verteilt.
Die Staumauer mag ich gern.
Hat irgendwie was spaciges mitten im Gebirge. Nach der Staumauer
kommen Kurven und bis oben ist es nicht mehr weit. Und
freundlicherweise gibt es jetzt Leute, die sich von mir
überholen lassen. Und eigentlich ist Radfahren gar keine so üble
Beschäftigung. Berge in der Früh sind auch sehr fesch und Almen
auch. Und es ist ja nicht mehr weit, bis das schlimmste vorbei
ist! Eigentlich scheint es schon vorbei zu sein, zumal ich schon
die Kurve zur Dortmunder Hütte (ich glaub, die heißt so) sehe
und da wird’s ein bissi steiler davor und danach auch. Und
Steilheit in Maßen genossen ist praktisch nie verkehrt. Außer
bergab natürlich. Uiiii, es ist alles so fesch und bei der Hütte
steht irgend ein durchgeknallter Typ auf einem durchgeknallten
Auto und spielt durchgeknallte Musik! Finde ich sehr witzig! Und
am Straßenrand wirds etwas belebter. Prinzipiell brauch ich
nicht unbedingt Zuschauer, aber das hat jetzt schon was Nettes.
Und die Sonne scheint. Oje, ich werd schon wieder rührselig.
Zuckermangel! Essen, ganz dringend! Aber dann kommt ohnehin
schon dieses herrliche Schild „Labe in 1000m“ und ich geb
Vollgas. Das ist ein neues Features, dass ich dermaßen auf
Laben steh.
Oben ist alles sehr fesch.
Herrliche Labe, herrliches Klo. Viel essen! Sonnenschein. Viele
Leute (das ist sehr gut, weil dann sind immer noch welche hinter
mir). Und dieses herrliche Gefühl, dass das ein ganz toller Tag
wird und ich dann gleich loslegen werde, den Ötztaler zu fahren
und sich alles ganz wunderbar ausgehen wird. Nach der
vorangegangen Quälerei ist das wirklich ein traumhafter Zustand!
Jetzt müss ma nur noch runter von dem Bergerl!
Ein guter Zeitpunkt um den
„Ich will mich bemühen“-Vorsatz umzusetzen. Runter ist das
Kühtai eine sehr feine Sache. Leute überholen macht das Ganze
noch viel feiner! Glücklicherweise machen es mir die Kollegen
nicht sehr schwer sie zu überholen, aber bei meiner Affinität
zum Bergab bin ich schon bemerkenswert gut unterwegs. Einzig die
Kanaldeckel-Mafia in Sellrain bremst mich ein wenig ein. Ich hab
noch nie in meinem Leben soviel Kanaldeckel auf so einem kurzen
Abschnitt und noch dazu paarweise auftretend gesehen.
Nun, jetzt fahr ich mit den
Leuten, mit denen ich den Tag verbringen werde. Da das gar nicht
so wenige sind, bin ich ganz beruhigt, dass ich zumindest bis
Innsbruck ein Grüppchen haben würde, an das ich mich anhängen
könnte. Und wenn alles gut ginge, dann würde ich vielleicht auch
den Brenner in Gesellschaft fahren. Ganz urplötzlich taucht dann
auch schon der Erste auf, denn ich sofort ganz furchtbar lieb
hab. Wie ein artiges Entenkücken folge ich ihm brav und
unauffällig. Und dann tauchen gleich die nächsten „Ich hab dich
lieb!“s auf („Ich hab dich lieb“s ist mein neuer Begriff für
Alle, hinter denen ich gerne herfahre. Bei jedem, der mir
unterkommt, hüpft mein Herz vor Begeisterung!).
Ich werd schon wieder rührselig. Gott sei Dank haben die
„Ich hab dich lieb“s auch Hunger und so rollen wir picknickend
Richtung Innsbruck. Es gibt genau eine Gegensteigung bis
Innsbruck und prompt reiß ich ab, weil ich der fixen Überzeugung
bin, dass die alle besser sind als ich. Und weil ich weiß, dass
ich sie beim Bergab auf der anderen Seite sowieso einhole.
Bis Innsbruck ist es nett.
Dann fängts langsam an wieder bergauf zu gehen. Ich schummle
mich in der Gruppe ganz nach vorne vor lauter Angst, dass ich
gleich wieder alle verlieren werde. Obwohl es eigentlich egal
ist, weil ich in der ersten Kurve stehen bleiben muss um meine
Jacke auszuziehen.
Der zweite Berg – Brenner
Der Brenner ist überhaupt
kein Berg. Da muss ich zwischendurch immer wieder auf den
Höhenmesser schauen, ob ich gerade bergauf oder bergab fahre.
Der Brenner ist irgendwas, das man überwinden muss, um irgendwo
anders rauffahren zu können. Aber Berg ist das sicher keiner!
Außerdem fürchten alle den Brenner, weil dort immer so schnell
gefahren wird. Mir ist das wurscht, weil ich da dann sowieso
gleich abreißen werde. Auf jeden Fall will ich kein bisschen
Kraft am Brenner lassen, weil die will ich mir aufheben für die
wirklichen Berge. Und wenn ich mich am Brenner schon anstrengen
müsst, …..
Der Brenner hat sich für
mich ordentlich bemüht, hatte einige interessante Überraschungen
für mich parat und war eines der lustigsten Sachen, die ich
jemals in einer Gruppe gefahren bin.
Während ich meine Jacke
gemütlich ausziehe, ziehen die „Ich hab dich lieb“s ebenso
gemütlich an mir vorbei. Weil ich mich so weit nach
vorgeschummelt hab und mich so bemüht hab auf dem ersten
Bergauf-Stück, dauert es ein Weilchen bis alle vorbeigefahren
sind. Schließlich bin ich ausgezogen und sehe schon die nächsten
„Ich hab dich lieb“s kommen. Sehr gut, denk ich mir, fahr ich
gemütlich weg, dann werdens mich bald eingeholt haben, dann hab
ich wieder eine Gruppe zum fahren.
Die Gfraster wollen aber
einfach nicht daherkommen. Und dann seh ich nicht weit vor mir
die vorigen „Ich hab dich lieb“s (mit dem Begriff wird’s bald
vorbei sein, weil ich mittlerweile genug gegessen hab und
außerdem bei objektiver Betrachtung keiner von denen wirklich
für die Ewigkeit anbetungswürdig gefahren wär. Die
Anbetungswürdigen sind schon längst am Jauffen.). Blöde Sache,
wenn man zwischen zwei Gruppen alleine fährt.. Aber nachdem es
noch ein Stückchen bergauf geht, stehen die Chancen nicht
schlecht, dass ich sie einhole. Ein eigenartiger Gedanke – ein
Grüppchen, das langsamer bergauf fährt als ich. Kurz bevor ich
sie einhole, überholt mich ein Servicewagen, der mir aber
partout keinen Windschatten geben wollte. Ganz im Gegenteil -
als ich zu ihm aufschließe, schwenkt der Aff aus, damit ich ja
das ganze Loch selber zufahren muss! Dabei hätt mir das sehr gut
gefallen, hinter einem Auto nachzufahren!
Ab jetzt beginnt der
seltsame Teil – eigentlich war es schon seltsam, dass ich die
Gruppe wieder eingeholt hab. Aber alles Folgende wird noch viel
seltsamer und es dauert ein Weilchen bis ich die Situation
check.
Kurz nach dem ich die
Gruppe einhole, geht’s wieder ein bisserl mehr bergauf und ich
hab gleich wieder die Angst, dass ich sie verlieren werde. Also
schummle ich mich wieder nach vor und schwenke zeitig nach links
aus, damit ich zumindest nicht deswegen abreiß, weil ich
eingesperrt bin. Aber da schwenken viele aus, weswegen ich mein
junges Leben auf der Gegenfahrbahn riskieren muss, weil wenn ich
mich schon bemüh schneller zu fahren, dann will ich nicht im
Überholstau herumgrundeln. Ist irgendwie recht lustig und geht
auch alles ganz gut. Vor mir ist wieder mal mein erster „Ich hab
dich lieb“, den ich wirklich zu so etwas wie meiner Entenmami
gemacht hab. Der fährt sehr brav voraus. Und irgendwann frage
ich mich, wo jetzt den alle sind. Weil dass ich abgerissen bin,
wäre mir nicht aufgefallen. Aber andererseits sind die Entenmami
und ich ganz alleine. Komisch. Aber eigentlich wurscht.
Ein Weilchen finde ich es
recht fesch hinter der Entenmami herzufahren, ist nicht so
richtig schnell, aber trödeln tut er auch nicht. Immer wieder
tauchen vereinzelt Leute vor uns auf. Ich würde so gerne bei
einem von denen bleiben, weil größere Gruppen sind mir doch
lieber als diese idyllische Zweisamkeit. Aber kaum holen wir
jemanden ein, überholt er auch schon wieder. Wie ich einsehen
muss, kann man hinter denen aber wirklich nicht fahren. Eine
Tragöde! Jetzt simma erst am Brenner und da hängen schon soviel
Leichen herum. Wir sind nämlich wirklich nicht schnell gefahren
und keiner wollte mitfahren.
Ewig wollte keine Gruppe
auftauchen – wir sind sicher 5 Minuten so zu zweit
dahingefahren.
Schließlich sind von hinten zwei furchtbar Ambitionierte daher
gekommen und die Entenmami wollte an denen dran bleiben. Sehr
gut hab ich mir gedacht, nur keine Rücksicht auf das Mädel
nehmen! Gebts Gas, Burschen! Nicht schwächeln, keine Rücksicht
auf das Mädel nehmen! Bloß nicht! Endlich ist dann eine Gruppe
aufgetaucht und wegen dem Mädel hättens dann nicht mehr extra
schneller fahren brauchen. Also genauso genommen, war es einer
der voll angegast ist und die Entenmami hat brav versucht ihn
nicht zu verlieren und ich hab mich kraftschonend bemüht bis zur
Gruppe mitzukommen. Es ist herrlich, wenn 20 Leute vor einem
fahren! Und man lieblich hinterher rollt!
Wie wir so bergwärts
rollen, wird mir plötzlich das erste Mal so richtig bewusst,
dass ich jetzt wirklich den Ötztaler fahr! So ganz wirklich und
ordentlich, wie alle anderen das auch machen! Wow, ist das ein
cooles Gefühl! Und gut gehen tuts mir auch noch dabei!
Irgendwann hab ich dann den
Eindruck, dass die vorne eine kleine Meinungsverschiedenheit
hätten und deswegen Bummeln. Schön langsam ist mir aber klar
geworden, dass die nicht schneller können. Und überhaupt einige
sehr an ihrer Grenze fahren. Blöde Gschicht! Ich überlege, ob
ich eventuell vor fahren soll und Tempo machen. Aber es sind
4000 Starter, davon knapp 200 Frauen – kann man da echt
erwarten, dass eine Frau für die Männer im Wind fährt???
Außerdem würds die Gruppe sprengen, wenn ich nach vor fahr und
eigentlich wollt ich’s ja gemütlich. Nur halt ein bisserl
schneller. Und wenn ich nach vor gefahren wär, wär ich richtig
schnell gefahren und das wär dann richtig anstrengend gewesen.
Und wer weiß, wie lange ich das richtig schnell Fahren
ausgehalten hätt. Die Windschattensache ist schon ein vertrackte
Ding! Gemütlich wars auf jeden Fall! Und lustig! Zwar hab ich
ein etwas schlechtes Gewissen wegen der
Windschattenschmarotzerei, aber andererseits war ich auch artig
und hab keine Unruhe in die Gruppe gebracht.
Mit
GanzHintenInDerGruppeFahren ist dann auch bald Schluss, weil bei
jedem kleinen Schupferl das Ende abreißt. Ziemlich
weit vorn ist gut, allerdings muss ich bei den Schupferl
aufpassen, dass ich als Letzte ausschwenke und mich hinten
halte, weil ansonsten wär das ein wenig zu einem Wettrennen
ausgeartet, wonach mir gar nicht zumute war. Und so war ich nach
jedem Schupferl immer die letzte in einer Gruppe, die immer
kleiner wurde. Und immer schneller. Beim letzten Schupferl vor
der letzen Steigung muss ich dann richtig ordentlich treten um
mitzukommen. Das wird kein gutes Ende nehmen! Ich muss unbedingt
bei der letzten Steigung gleich abreißen, weil die werden sich
gegenseitig kaputt fahren.
Das haben sie dann auch
wirklich gemacht. Aus Versehen, zwar. Aber am Ende der Steigung
hab ich sie nach einem gemütlichen Bergauf wieder eingeholt.
Männer sind seltsame Wesen. Und wenn sie in Gruppen unterwegs
sind sowieso.
Plötzlich taucht das „Labe
in 1000 m“-Schild wieder auf! Während alle mehr oder weniger
gemütlich rollen, muss ich natürlich wieder Vollgas geben! Am
Brenner oben ist es flach, da ist Rollen pure Zeitverschwendung.
In Anbetracht einer bevorstehenden Labe sowieso!
Die Brenner-Labe ist
riesengroß! Und urviele Leute kugeln da herum.
Ich trinke Suppe, esse Käsebrote, trinke Redbull mit
Wasser (glücklicherweise ist der Herr Trainer ganz weit weg und
kann mir dieses Vergnügen nicht ausreden.), esse Kuchen, packe
Kuchen (in Alufolie) in den BH – für die Verköstung unterwegs.
Und freu mich wie blöd, dass ich jetzt nur noch einmal bergab
muss und es dann richtig los geht! Eigentlich ist es mir egal,
was jetzt kommt, weil die Auffahrt zum Brenner war so lustig,
dass sich alleine dafür die Teilnahme schon ausgezahlt hat.
Beim Rausfahren aus der
Labe fällt mir auf, dass das ein bisschen eine einsame
Angelegenheit ist. Die Gfraster sind alle bei der Brenner-Labe
hängen geblieben. Leider ist der Brenner bergab auch so, dass
ein Grüppchen nicht schlecht wäre. Das Grüppchen will sich nicht
finden. Einzig ein älterer Mann (mit einem Finisher-Trikot!),
der mit mir aus der Labe raus fährt ein passendes vom Tempo.
Nach der Bummelei auf den Brenner möchte ich es bergab etwas
zügiger haben, natürlich wieder windschattenschmarotzend.
Der dritte Berg - Jauffen
Eigentlich würds mir jetzt
dann reichen mit dem Radlfahren. Bis hierher wars ja sehr nett,
aber dass es schon wieder bergauf geht müsste nicht sein. Hunger
hab ich auch. Und alle fahren schon wieder so schnell. Manche
können ihre Kraft deswegen so verpulvern, weil’s für sie eh der
letzte Berg ist. Obwohls für mich der letzte Berg vorm letzten
Berg ist, fühlt er sich eher so an, wie der erste Berg vorm
letzten Berg. Mit Hunger ist gar nicht gut fahren, Hunger
unmittelbar nach einer Verpflegungsstation ist irritierend. Aber
mit ein paar Powergels lässt sich alles wieder in Ordnung
bringen. Und schon ist es der letzte Berg vorm letzten Berg.
Essen macht Bauchweh. Blöd aber auch. Bauchweh führt zu
ungünstiger Körperhaltung was wiederum Kreuzweh macht. Noch
blöder, andererseits ist das Bauchweh nicht mehr so interessant,
weil das Kreuz viel weher tut. Kreuzweh macht unruhiges sitzen.
Sehr blöd, das verursacht ganz unangenehme Gefühle zwischen den
Beinen. Dafür ist das Kreuzweh nicht mehr ganz so dominant,
weil’s jetzt nur noch ein Drittel Aufmerksamkeit bekommt.
Zwischendurch frage ich
mich, was ich hier überhaupt mache. Kann doch nicht wahr sein,
dass ich schon wieder den ganzen Tag mit Radfahren verscheiß.
Guns n’ Roses versucht mich mit
„Nothing lasts forever, even cold november rain“ zu
beruhigen, was mir in Anbetracht der mich umzingelnden Hitze
Hirnsausen verursacht.
Sitzweh kann man am Besten
beheben, in dem man im Stehen fährt. Das macht müde und atemlos.
Unglaublich, was einem auf so einer kurzen Distanz alles
passieren kann.
Aber immerhin haben die
Leute aufgehört mich zu überholen und lassen sich brav zurück
überholen. Als dann auch noch der Wald aufhört und die Weite der
Bergwelt vor mir auftaucht, ist die Welt wieder in Ordnung.
Herrlich schlängelt sich die Straße vor mir den Berg hinan, mit
einem kurzen steileren Stück vor der Labe am Jauffen.
Am Jauffen bemüh ich mich
möglichst schnell möglichst viel zu essen. Aber ich bin zu
langsam. Der Schlusswagen taucht auf. Die Leutchen werden ganz
aufgeregt, wies den jetzt weitergehen soll. Aber der Herr
Schlusswagenfahrer ist sehr lieb und beruhigt alle, dass alles
in Ordnung ist und dass man in Ruhe weiter pausieren kann. Nur
demnächst dürfen halt die Autos wieder fahren.
Ich mag Autos nicht. Und
vor lauter viel und schnell essen ist mir sowieso schon ein
bisschen nicht gut. Und von selber wird das bevorstehende bergab
auch nicht verschwinden. Also fahr ich und sonderbarer Weise
überhol ich auch hier vereinzelt Leute, was sehr verwirrend ist,
weil ich bin müde im Kopf und da hab ich überhaupt keine Lust
mehr bergab zu fahren. Außerdem ist die Straße sauschlecht und
der Jaufen wurde von der Kurvenmafia heimgesucht. Kein Berg
braucht bergab so viele Kurven. Da hätte man locker einige
einsparen können und dem Kühtai stiften. Es geht ewig bergab und
es wird ewig immer heißer und heißer. Ich glaubs gar nicht wie
ich in St. Leonhard ankomm, dass jetzt wirklich unten sein soll.
Ich bin ganz aufgeregt.
Aber jetzt wird’s spannend. Und lustig.
Der vierte Berg - Timmelsjoch
Der vierte Berg, der
eigentliche Berg, ziert sich ein wenig bevor er sich befahren
lässt. Die Zufahrt durchs Passaier Tal hat ein bissi was
Bösartiges an sich. Abgesehen davon dass die Hitze vor dem
bevorstehenden Wetterumschwung im Tal steht, sind da auch immer
kleine Zwischensteigungen eingebaut, die einen schon zermürben
können. Ich vertrag Hitze gar nicht gut und so fetz ich von
einem Schatten zum nächsten.
Manche der Mitfahrer wirken
schon ordentlich angeschlagen, was ich zu dem Zeitpunkt
irgendwie witzig finde. Schließlich haben mich die Gfraster alle
mal respektlos überholt.
Sehr witzig find ich’s in
Moos: mittlerweile ist es mir schon unerträglich heiß und das
Passaier Tal find ich unmöglich
lang (es ist irgendwie beängstigend, wenn man so lange ein Tal
bergauf fährt und weiß, dass der eigentliche Berg erst kommt und
noch viel länger und noch viel steiler sein wird) und kurz vor
Moos geht’s auch noch ordentlich bergauf. Und plötzlich taucht
Moos auf und am Straßenrand sitzt ein Haufen hiniger Radfahrer.
Das Passaier Tal kann einen echt fertig machen. Witzig hab ich’s
auch nur deswegen gefunden, weil ich zu dem Zeitpunkt nicht
gecheckt hab, dass die da wahrscheinlich kein Päuschen gemacht
haben, sondern auf den Besenwagen gewartet haben.
Moos ist der Anfang vom
Ende. Nach dem die Zufahrt einigermaßen steil ist und man froh
ist, dass man das Passaier Tal endlich überwunden hat, geht’s um
eine Kurve. Und dann wird’s wirklich richtig ordentlich steil.
Das hätt ich jetzt gerade nicht gebraucht. Wenn das so
weitergeht – andauernd kommt was daher, was noch mal steiler ist
– wird bald Schluss sein mit lustig. Aber einstweilen hab ich’s
noch lustig. Als Auflockerung zum ziemlich Steil kommt ein
Kürvchen. Da stehen schon wieder Leute, die ein wenig fertig
aussehen. Und in dem Kürvchen muss ich wirklich lachen – da
hängt ein Plakat, wo drauf steht „Ausgeträumt?“. So herbe
Scherze hätte ich nicht erwartet.
Es ist steil, es ist heiß, es gibt etwas Schatten, es
gibt Kurven, es gibt genügend Leute zum überholen. Radfahren
kann schon sehr nett sein, wenn man sich vorher sehr ausführlich
aufgewärmt hat. Mittlerweile erfreut mich Johnny Cash mit „Ghostrider“.
Warum hab ich eigentlich lauter Schlechtwetter-Musik mit?
Und schon taucht der erste
Tunnel auf. Ich hasse Tunnels. Dunkel und feucht; große Löcher,
die man nicht sieht; vor lauter dunkel wird’s mir immer
schwindlig und vor den Geister, die ganz sicher in den Tunnels
wohnen, hab ich furchtbar Angst. Und eisig kalt ists auch
drinnen. Das ist ein guter Tag um die Tunnels lieben zu lernen.
Gibt’s was Herrlicheres auf der Welt als einen eisig kalten
Tunnel, in dem das Wasser von der Decke tropft? Ganz langsam
rolle ich durch den Tunnel, wenn’s nicht so anstrengend wär, wär
ich abgestiegen und hätt geschoben, um länger drinnen bleiben zu
können.
Es ist ein ordentliches
Stück bis zur Labe. Mittlerweile sind da auch einige Frauen, mit
denen man ganz lustig fahren kann. Leute überholen ist auch
lustig. In der Labe ists auch lustig. Ich finds so super, dass
ich so schnell so wahnsinnig viel Zeugs in mich hineinstopfen
kann, ohne dass irgendwo wieder was außerplanmäßig rauskommt.
Das Fresstraining im Vorfeld hat sich voll ausgezahlt!
Wenns einen noch gut geht,
kann man die Labe lustig finden – da liegen Leute mim Compex
herum, andere werden massiert. Andere schauen aus, als wären sie
grad von einem Schlachtfeld heimgekommen. Insgesamt ist eine
sehr gedämpfte Stimmung. Ich bin immer noch ganz aufgeregt, weil
ich doch endlich am Timmelsjoch bin und das Panorama ganz
aufregend ist und Radfahren so fein ist. Und weil ich doch so
neugierig bin, wie sich das noch alles entwickeln wird. Einzig
die Information, dass es auf der Söldener Seite schon regnet,
beunruhigt mich ein
wenig. Aber wie immer bin ich der fixen Überzeugung, wenn ich
mir ganz fest wünsch, dass das Wetter schon aushalten wird, dass
es das dann auch tut. Aber wie immer, ist es manchmal eben nicht
so.
In der Labe hab ich
vielleicht doch ein Spürchen zu viel gegessen. Der Bauch zwickt
ein wenig und der Hals bemüht sich, dass nix den Magen in die
falsche Richtung verlässt. Die Luft wird auch immer dünner. Nach
dem ich ab 1800 hm Atemprobleme bekomm, wird’s allmählich ein
wenig anstrengend. Aber die Aussicht auf die Berge ist ein
Wahnsinn!
Leute überholen ist auch
nicht mehr ganz so unterhaltsam, weil die teilweise wirklich arg
angeschlagen aussehen. Das finde ich jetzt tragisch, weil die
habens so weit geschafft und einige von ihnen sind so
angeschlagen, dass bald Schluss sein wird.
Der Berg ist aber auch
gemein – es geht endlos dahin. Zur Abwechslung wird’s wieder
steiler und wenn dann eine Kurve kommt, hat man Ausblick, auf
das was noch auf einen zukommt. Und das schaut noch steiler und
endlos aus. Mittlerweile hat es etwas zu regnen begonnen. Es
sind fast schon mehr schiebende als Fahrende unterwegs. Jedes
mal wenn ich jemanden überhole, hab ich den Eindruck, dass die
noch langsamer werden während ich sie überhole. Ich kann nicht
mehr hinsehen. Schließlich bin ich jetzt selbst auch schon müde
und der Regen trübt die Stimmung, vor allem weil ich mich schon
ein wenig vor der anderen Seite des Berges fürchte. Ich will
niemanden mehr überholen, ich will niemanden mehr sehen. Wenn
rundherum alle so leiden, plagt mich das mitleid. Und zu allem
übel kommt dann auch noch ein vollbesetzter Besenwagen
daher. Das find ich ganz besonders schlimm, weil das
wirklich deprimierend sein muss, dass wenn man sich so bemüht
hat und so weit gekommen ist, dass man so nahe dran ist, aber
doch zu weit weg.
Mir reichts jetzt dann
auch. Der Berg nimmt kein End. Ich mach das, was ich immer mach
in solchen Situationen. Ich fahr zur nächsten Kurve und steig
hab und hab eine dreiminütige Sinnkrise. Im Zuge dieser
Sinnkrise beende ich das Musikhören und höre plötzlich ganz laut
meinen Atem. Da heroben ist verdammt wenig Luft. Sinnkrisen
können auch sehr lustig sein, weil in der Sinnenkrisenkurve
steht einer von den Begleitmotorrädern und versucht alle
Daherkriechenden aufzumuntern – „Noch eine Kurve, dann noch ein
Kilometer bergauf , dann kommt der Tunnel und dann wird’s
flacher.“. Das sagt er permanent. Der Satz gefällt mir so gut,
dass ich in der Kurve bleiben will und ihm ewig zuhören. Aber
nach dem zehnten Mal ist er dann doch fad. Nach dem ich
ordentlich durchgeschnauft hab, fetz ich den letzten Kilometer
hoch, damit ich endlich zum großen Tunnel komm. Und dann ist es
auch schon flacher.
Auf den letzten Metern
bergauf bin ich glücklich und zufrieden, weil ich es geschafft
hab. Aber ein wenig wehmüitg auch, weil es jetzt vorbei ist. Und
ein klein wenig amüsiert, weil die Leute trotzdem es so flach
unglaublich dahin kriechen. Ich frage mich, ob das wirklich
notwenig ist, dass es mir noch so gut geht. Ob da nicht was
grundlegend falsch gelaufen ist, weil doch etwas mehr Leiden am
Timmelsjoch angebracht gewesen wäre.
Schad, dass das Wetter so
schlecht ist. Das Flachstück oben würde nämlich ein herrliches
Panorama abgeben und man könnte die letzten Meter bergauf sehr
genießen.
Oben ist es kalt und
grauslich –genau wie beim letzen Mal, wie ich hier oben war. Ich
will nur schnell runter, genau wie beim letzen Mal. Es ist
ekelig bergab. Wirklich sehr schade, weil das Timmelsjoch wär
sehr schön bergab zu fahren Wenns regnet mag ich gar nicht
bergab fahren. Und anstatt dass ich da Leute überhole bergab,
überholen mich 300 Leute. Eine Tragödie!
Die Schnellsten haben glaub ich etwas über 20 Minuten
bergab gebraucht, ich eineinhalb Stunden. Einzig die kleine
Gegensteigung hat mir gefallen. Da wars nicht ganz so kalt. Da
hat mich auch keiner überholt.
Ich muss mir sehr gut
zureden, damit ich weiter bergab fahr. Zwischendurch amüsiere
ich mich darüber, dass ich mich bei der Auffahrt zum Kühtai
vielleicht doch getäuscht hab, wie ich geglaubt hab, damit hätte
ich das Schlimmste hinter mir. Aber der Hälfte, bin ich mir dann
ganz sicher, dass diese Regenabfahrt mindestens genauso
grauslich ist, wie der erste Berg.
„Hier endet Dein Traum“
wird man in Sölden mit einem letzten Transparent begrüsst. Es
ist kalt, es beginnt dunkel zu werden und regnen tuts auch. Es
ist nicht verkehrt, das es vorbei ist.
Epilog
Es war sehr fesch. Alle,
die ich kenne sind wohlbehalten zurückgekommen. Manche von ihnen
haben sogar ihre Altersklasse gewonnen (Ewald). Alle waren
glücklich und zufrieden mit sich. Welch ein herrlicher Sonntag.
Morgen geh ich nicht Rad fahren.
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